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Edouard Ravel

 

Als Konversationswitz pflege ich zu sagen: «Ohne dieses Porträt hätte es den ‘Bolero’ von Maurice Ravel nie gegeben.» Das stimmt so natürlich nicht. Aber es enthält einen wahren Kern.

 

 

 

Wer auf dem Gemälde mit dem dunklen Hintergrund (Öl auf Leinwand, 45x53 cm, unten links signiert, steckt in einem fürchterlichen neuen Rahmen) dargestellt ist, weiss man nicht. Der Maler heisst Edouard Ravel (1847-1920), bekannt für Portratmalerei in der Genferseeregion und für Landschaftsmalerei im Wallis. Dieses Bild war bestimmt ein Auftrag, denn man spürt in der akkuraten Arbeit keine besondere Nähe des Künstlers zu seinem Modell.

 

Das Gesicht im Halbprofil ist sauber ausgearbeitet, die Haare schon etwas weniger, und das grün-gelbliche Kleid ist in den schwarzen Schulterpartien präzise, während die Ärmel gewollt unsorgfältig dargestellt sind, um wenigstens einen Hauch von Dynamik in das ansonsten statische Bild zu bringen.

 

Was hat es nun mit Maurice Ravel auf sich? Edouard John Ravel, wie er mit vollem Namen heisst, war der Bruder von Pierre-Joseph Ravel (1832-1908). Der wiederum war ein Schweizer Ingenieur, der in den späten 1860er-Jahren ein dampfgetriebenes Auto und andere Fahrzeuge konstruierte. Leider war er damit nicht besonders erfolgreich. Deshalb kümmerte sich Edouard, der mit seiner Frau Marie keine Kinder hatte, um seinen Neffen Maurice, den Sohn von Jean-Pierre und mässig erfolgreichen Musikbegeisterten, der sich nicht an kompositorische Regeln halten wollte und deswegen nur mit Ach und Krach am Konservatorium in Paris studieren konnte. Sein Onkel jedoch erkannte dessen Potential und unterstützte ihn finanziell, ja machte ihn sogar zum Alleinerben. Erst durch diese Unterstützung konnte Maurice Ravel (1875-1937) in Ruhe komponieren und uns mit seinen Werken beglücken. Also: Kein «Bolero» ohne seinen Onkel Edouard und dieses Porträt.

 

 

 

 

 

Emil Beurmann: Mariely Brunner

Der melancholisch-träumerische Blick unter den schweren Ponyfransen der rostbraunen Haare, die sinnlichen Lippen und die weiche Haut: Das Gemälde von Emil Beurmann hat etwas Spontanes, Liebevolles, den Blick eines Liebhabers. Es hat etwas Vorläufiges, das sich daran zeigt, dass es im Kleid nicht vollständig ausgearbeitet ist.

Öl auf Platte, nicht datiert, 34x37 cm (ohne Rahmen), 2013 auf einer Online-Versteigerungsplattform gekauft.

 

 

 

Derselbe traumverlorene Ausdruck findet sich auf einer Kohlezeichnung, die ich zehn Jahre später gefunden habe (32x42 cm, ohne Rahmen). Nur die Frisur wirkt mondäner, ein Stirnband bändigt die wilden Haare.

Die beiden Porträts bleiben im Ungefähren und nähern sich gerade deswegen der Person an, die Nähe des Malers zum Modell ist spürbar, er zeichnet einen schwebenden Zustand, der sich in anderen Porträts nicht ablesen lässt.

 

Der Basler Emil Beurmann (1862-1951) war Maler und Dichter. Man sagt ihm nach, er sei ein «Frauenliebling» gewesen. Beurmann führte ein Leben in der Bohème. Er nannte sich «Beuz», verführte die Damen in Paris, Spanien, Basel und Ägypten, von wo er eine Tänzer- und Artistentruppe mitnahm, die er an der Landesausstellung 1896 in Genf auftreten liess. In seinen Aufzeichnungen mit dem Titel «Chadigas Europareise» schreibt er nach der Rückkehr der Gruppe nach Ägypten über Chadiga: «Seither hab ich nichts mehr von dem Mädchen gehört. Einer meiner Bekannten, der später nach Kairo gereist ist und den ich gebeten hatte, ihr nachzuforschen, konnte mir nur berichten, sie sei verschollen oder – einem vagen Gerücht nach – an der Cholera verstorben. Aber noch hängt ein Bild des schönen Kindes Arabiens in meinem Atelier; und jeweilen, wenn ich der unvergesslichen, sonnigen Kairinertage gedenke, beschleicht mich eine leise Wehmut, und ich sehe im Geist meine schlanke braune Freundin vor mich hintreten, so lebendig, so klar und gegenwärtig, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie mir in Genf zum letzten Mal unter Tränen die Hand gedrückt.»

 

Leider kenne ich keine ähnlichen Aufzeichnungen über Mariely Brunner, das Modell meiner beiden Bilder, in das sich Emil Beurmann mit 52 Jahren verliebte und das er gegen den Widerstand der Schwiegermutter 1914 heiratete. Die beiden führten eine offene Ehe. Er nannte sie analog zum eigenen Spitznamen «Beuzli», was in meinen Ohren ein eher mässig origineller Name für eine geliebte Lebenspartnerin ist.
Wie dem auch sei: Die beiden Porträts von Mariely Brunner zeigen die schwermütige Liebe der Beurmanns, und ausgehend vom Alter der Dargestellten dürften sie in den Zehner- oder Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts entstanden sein, wären also inzwischen beide über hundert Jahre alt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elizabeth Arden

 

 

 

Wir sehen ein Porträt von Elizabeth Arden (eigentlich: Florence Nightingale Graham, 1878 oder 1884-1966), datiert mit 1940. Öl auf Leinwand, 62x80 cm (ohne Rahmen). Der Maler war William Lee Cumming (1917-2010).

 

Das Gemälde soll sich in der Sammlung der Kosmetikfirma Elizabeth Arden befunden haben, die in einer bewegten Unternehmensgeschichte nach dem Tod der Gründerin verschiedentlich aufgekauft wurde und heute zum Revlon-Konzern gehört. Bei einer dieser Veräusserungen müsste die Sammlung aufgelöst und verkauft worden sein. So soll das Bild in die Schweiz gekommen sein, wo ich es vor ein paar Jahren einem Händler in Genf abgekauft habe.

 

Elizabeth Arden war damals (je nach dem nicht gesicherten Geburtsdatum) entweder 62 oder 56 Jahre alt, und der Maler hat sie zweifellos ein paar Jahre jünger gemacht, wie das dem Gemälde beiliegende Schwarz-weiss-Foto zeigt.

 

Sie eröffnete 1910 ihr erstes New Yorker Geschäft mit Kosmetikartikeln. Als 1912 der Umzug der Suffragetten daran vorbeizog, verschenkte sie den Frauen Lippenstift (der im 18. Jahrhundert in Mode und im 19. Jahrhundert verpönt war und zu einem Symbol des Widerstands wurde) – ein genialer Marketingschachzug. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bekam Elizabeth Arden den Auftrag, für die US-Army Lippenstifte zu produzieren. Die Nazis hatten Lippenstift und Schminke verboten, Frauen sollten natürlich wirken – insofern war auch das ein Symbol des Widerstands. 1941 bekam sie den Auftrag mit der Farbe «Montezuma Red». Für die zu Hause gebliebene Frau kreierte sie dann «Victory Red», damit auch sie ein wenig am Ruhm der Armee teilhaben konnte. Dieses gleichzeitig brennende und zurückhaltende Rot dominierte das Gemälde.

 

William Lee Cumming hatte ein ebenso bewegtes Leben. Als Folge einer nicht auskurierten Tuberkulose durfte er nicht mit der Armee nach Europa. Wohl auch wegen dieser als Kränkung empfundenen Zurückweisung trat er 1945 in die kommunistische Partei ein und wurde ein glühender Stalinist, nicht eben beste Voraussetzungen für eine Karriere in den USA. Nachdem er noch 1941 im Seattle Art Museum eine erste Einzelausstellung genoss, kam seine Karriere damit zum Erliegen. 1957 trat er aus der Partei aus und begann anschliessend wieder zu malen. Stilistisch lassen sich die fortan entstehenden Bilder nicht mit seinem Jugendwerk vergleichen.

 

In diesem Porträt, das eine amerikanische Epoche repräsentiert, treffen also zwei völlig unterschiedliche Schicksale aufeinander. Leider kann man keine Zeitzeugen mehr dazu befragen.

 

 

 

Sophie Onufrowicz-Roth

 

Das Folgende sind alle Daten, die ich eruieren konnte:

Geboren als Johanna Josefa Antonia Roth von Bellach (24. 6. 1863 Solothurn – 29. 9. 1930 Biberist), später bekannt als Jenny Gysi-Roth. Sie war die Tochter von Peter Johannes Roth-Thomann. Sie lebte von 1891-99 in Zürich. Am 18. 1. 1891 heiratete sie den polnischen Arzt Wladislaus Napoleon Sigismund Onufrowicz (1854 Jenisejsku – 30. 3. 1899 Vernex-Montreux), der in Zürich arbeitete. Sie hatten eine gemeinsame Tochter: Marie Antoinette (* 20. 10. 1891). 1901 zog Jenny nach Bern, wo sie Oskar Gysi heiratete.
Jenny Roth hat die Kunstgewerbeschule in Genf und die Kunstschule in Basel besucht und ihre Ausbildung in den Ateliers von Tony Robert-Fleury und Bouguereau fortgesetzt (Deutsche Biographische Enzyklopädie). In Zürich hat sie Mal- und Zeichnunterricht erteilt und eigene Bilder ausgestellt. Von ihr bekannt sind Stillleben, Landschaften und Porträts.
Zu Wladislaus Onufrowicz: https://pl.wikipedia.org/wiki/Wladislaus_Onufrowicz

Bei Sikart ist sie unter Roth, Jenny gelistet – ohne Bilder: http://www.sikart.ch/kuenstlerinnen.aspx?id=4026521

Jede weitere Information ist willkommen an: paulott (@) datacomm.ch

Ich kann weder ein Foto noch weitere Bilder von Jenny Roth finden. Dieses Stillleben (Titelvorschlag: "Nach der Wanderung") vom April 1894 bleibt also das einzige mir bekannte Gemälde.