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Commissaire Potterat trifft Wachtmeister Studer

Benjamin Vallotton und Friedrich Glauser

 

Am 25. 3. 1937 schreibt Friedrich Glauser aus La Bernerie, seinem Refugium in Frankreich, einen Brief an Friedrich Witz, den Redakteur der «Zürcher Illustrierten», eine Entgegnung auf die zuvor erschienenen «Zehn Gebote für den Kriminalroman» von Stefan Brockhoff.[1] Der Brief wurde allerdings nicht abgedruckt, sondern erst 1976 veröffentlicht (in «Dada, Ascona und andere Erinnerungen»). Die spielerische Auseinandersetzung von Brockhoff mit dem Kriminalroman muss Glauser masslos aufgeregt haben, denn er lässt kein gutes Haar daran, vor allem auch sichtbar in einigen Bemerkungen in Briefen aus dieser Zeit.[2] Er nimmt aber nicht nur eine Gegenposition ein, sondern schreibt eine kurze Poetologie des eigenen Schaffens.

«Bei einem Autor habe ich all das vereinigt gefunden, was ich bei der gesamten Kriminalliteratur vermisst habe. Der Autor heisst Simenon, und er hat einen Typus geschaffen, der, obwohl er einige Vorläufer hatte, nie mit einer solchen Leidenschaftlichkeit gesehen worden ist: den Kommissär Maigret. Ein durchschnittlicher Sicherheitsbeamter, vernünftig, ein wenig verträumt. Nicht der Kriminalfall an sich, nicht die Entlarvung des Täters und die Lösung ist Hauptthema, sondern die Menschen und besonders die Atmosphäre, in der sie sich bewegen.»[3]

Georges Simenon und Kommissär Maigret also. Andernorts hat Friedrich Glauser erwähnt, dass Jeremias Gotthelf eines seiner Vorbilder sei: «Ich habe viel von Gotthelf gelernt, vor allem die Kunst, das Einfache und Wahre zu erzählen.»[4]

War da nicht noch etwas anderes? Ein Einfluss, der nicht so offensichtlich ist? Schauen wir uns diese wunderbare Vignette an: Hier ist er, der durchschnittliche, vernünftige Sicherheitsbeamte gesetzten Alters, mit einem unter dem Mantel versteckten Schmerbauch und einer Pfeife im Mund. Gut, bei Wachtmeister Studer war es dann die Brissago. Aber sei’s drum. Wer ist dieser Mann? Das Bild erscheint (neben anderen) in «Portes entr’ouvertes» von Benjamin Vallotton.[5]

1915 erschienen weitere Zeichnungen in «Ce qu’en pense Potterat»[6], dem dritten Band der Reihe. Wäre es möglich, dass Vallottons Commissaire David Potterat ein Vorläufer von Kommissär Maigret oder gar Wachtmeister Studer war? Immerhin erreichte der Autor mit seinen Romanen mehrere Auflagen von teilweise über 10'000 Exemplaren. 

In Friedrich Glausers Erzählung «Sanierung» von 1935 wird sein «Kommissär» zum allerersten Mal erwähnt: «Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei hatte einen kleinen Spitzbart und den Ansatz zu einem Kropf. Sonst war sein Gesicht sanft gerötet und durchaus vertrauenerweckend.»[7]

«Wachtmeister Studer von der kantonalen Fahndungspolizei, breitschultrig, ein wenig verfettet, mit einem vertrauenerweckenden Schnurrbart unter der merkwürdig spitzen und dünnen Nase vergrub die Hände in den Hosentaschen und klimperte mit seinem Schlüsselbund»[8], heisst es in «Einer will nicht mehr mitmachen», dem ursprünglichen Anfang von «Schlumpf Erwin Mord» oder später «Wachtmeister Studer».

Spekulieren wäre hier sinnlos. Kommissär Potterat vom Polizeiposten St. François in Lausanne ist auch nicht der brillante Kriminalist, wie man es vom Vorläufer Sherlock Holmes kennt, sondern er ist ein behäbiger Waadtländer Lebemann, ein Don Quichotte der Westschweiz, ein Flaneur, der keine Verbrecher aufspürt, sondern sie sozusagen im Vorbeigehen findet.

„Langsam öffnete sich die Türe des Polizeipostens St. François in Lausanne, um den Kommissär hereinzulassen. Zwei Späheraugen funkelten lebendig in seinem schalkhaft bestürzten Gesicht. Seine Erscheinung zeigte die strotzende Stattlichkeit eines in den Ruhestand versetzten Dampfschiffkapitäns, und die Uniform vermochte den Ansatz

von Rundlichkeit kaum zu verhüllen. Er sah aus wie ein behäbiger Familienvater, der zufällig in einen Soldatenrock geraten ist. Selbst dem üppig blonden Schnurrbart gelang es nicht, diesen Eindruck zu verwischen, obschon seine Enden, ehe sie in die Wolken ragten, dreifach aufgewirbelt waren, wie diejenigen eines Kindleinfressers.“[9]

Nun ist das alles wenig im Sinne von Friedrich Glauser. Aber könnte es doch Einfluss auf das eigene Schreiben gehabt haben, wenn auch nur als Gegengewicht? Dafür müsste Glauser den Vallotton gelesen haben. Siehe da: Er hat. Und er hat ihn nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern ausführlich beurteilt.

In der Nummer 18 der «L’Indépendance Helvétique» vom 13. 11. 1915 erscheint eine penible Kritik des 19jährigen Friedrich Glauser (auf Französisch! Und es ist seine allererste Publikation überhaupt!) über «Ce qu’en pense Potterat»[10], in der er zumindest antönt, dass er auch die beiden anderen Bücher kennt: „In Vallotons (Falschschreibung im Original) ersten Werken: Le sergent Bataillard, Portes entr’ouvertes und Potterat se marie war, mangels Kunst und Phantasie, immerhin noch eine gewisse einfache, offene Fröhlichkeit zu spüren. Gewiss, damals hatte es Herr Valloton auch noch nicht auf die Philosophie abgesehen. […] Doch was diesen ‚Dichter’ und seinen Stil am lebhaftesten charakterisiert, ist seine Schwerfälligkeit, seine unvergleichliche Schwerfälligkeit, eine Schwerfälligkeit, die gar kein Ende mehr nimmt.“[11]

Am meisten ärgert den jungen Glauser jedoch die politische und frömmelnde Ausrichtung von Vallotton, sodass er am Ende erleichtert feststellt: «Enfin, enfin le commissaire Potterat est mort; entre nous soit dit, c’est ce qu’il pouvait faire de mieux. Amen. Nous souhaitons seulement ne pas assister à sa résurrection.”[12]

Aber nicht einmal dieser letzte Wunsch bleibt erfüllt. Denn ähnlich, wie damals Sherlock Holmes nach seinem Sturz in die Reichenbachfälle bei Meiringen Jahre später wieder aufersteht, erlebt der Kommissär 1941 eine Wiedergeburt in «Potterat revient»[13], allerdings erst nach dem Tod von Friedrich Glauser.

Wie gesagt, wir wollen nicht spekulieren, und ganz bestimmt war Commissaire Potterat kein Vorbild für Wachtmeister Studer. Aber manchmal kommt einem durchaus der Verdacht, dass Versatzstücke der Figur in den Wachtmeister eingeflossen sind, und wäre es nur deswegen, weil Friedrich Glauser damit beweisen wollte, dass er es besser kann.

 

2. April 2025, Paul Ott



[1] Paul Ott: Mord im Alpenglühen. S. 163ff. Zu Stefan Brockhoff: ebenda, S. 39ff und 192.

[2] An Martha Ringier schreibt Glauser am 23. 3. 1937: «Zur Erheiterung schicke ich dir einen ‘Offenen Brief’ an einen gewissen Brockhoff und den Artikel, auf den ich antworte.»

[3] Paul Ott: Mord im Alpenglühen. S. 173

[4] Stammt wahrscheinlich aus den Briefen oder Essays, aber die genaue Quelle fehlt.

[5] Benjamin Vallotton: Portes entr’ouvertes, Lausanne 1904, F. Rouge & Cie. S. 333

Zu Benjamin Vallotton: Paul Ott: Mord im Alpenglühen. S. 118f, 301

[6] Benjamin Vallotton: Ce qu’en pense Potterat. Lausanne 1915, F. Rouge & Cie. S. 119

[7] Friedrich Glauser: Sanierung. Handschriftlich korrigierter Typoskriptdurchschlag im Nachlass. In: Bernhard Echte, Manfred Papst: König Zucker. Zürich 1993, Limmat Verlag. S. 81

[8] Friedrich Glauser: Einer will nicht mehr mitmachen. Manuskript im Nachlass. In: Walter Obschlager: Schlumpf Erwin Mord. Zürich 1995, Limmat Verlag. S. 217

[9] Benjamin Vallotton: Polizeikommissär Potterat. Zürich 1920: Verein für die Verbreitung guter Schriften. Ohne Seitenangabe.

[10] Friedrich Glauser: «Ce qu’en pense Potterat» de M. Benjamin Valloton. In: Bernhard Echte: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, Limmat Verlag. S. 247ff

[11] Friedrich Glauser: «Ce qu’en pense Potterat» de M. Benjamin Valloton. Übersetzung. In: Bernhard Echte: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, Limmat Verlag. S. 403ff

[12] Friedrich Glauser: «Ce qu’en pense Potterat» de M. Benjamin Valloton. In: Bernhard Echte: Mattos Puppentheater. Zürich 1992, Limmat Verlag. S. 249 («Doch am Ende – am Ende ist Kommissar Potterat tot; unter uns gesagt, es war das beste, was er tun konnte. Amen. Wir hoffen nur, daß wir nicht noch seine Auferstehung erleben werden.» S. 405)

[13] Benjamin Vallotton: Potterat revient, Lausanne 1941, F. Rouge & Cie

 

 

 

Hermann Hesse und die Pension des Professors Thurnheer in Florenz

 

In den Siebzigerjahren war ich als jugendlicher Späthippie ein glühender Hermann Hesse-Fan und hatte alles von ihm gelesen, selbst das «Glasperlenspiel», worauf ich besonders stolz war. Mit den Jahren nahm dann das Interesse an seinem Werk etwas ab.

Aber wie so oft beginnen gute Geschichten mit einem Zufall. Vor kurzem blätterte ich leicht gelangweilt durch Hermann Hesses Reisebeschreibungen aus dem Italien um 1900, weise und klug, aber nicht besonders inspirierend, als ich auf folgenden Eintrag aus dem Jahr 1901 stiess: «Ankunft in Florenz Sonntag abend 9 Uhr. Piazza Signoria 5 schönes Zimmer und liebenswürdige Aufnahme bei Prof. Thurnheer.» Also an allerbester Lage im Zentrum der Stadt. Und am 3. April 1903: «Bei Thurnheers ist alles wie einst; nur die Erminia ist ein nettes blondes Fräulein geworden …»

Nun bin ich von Mutters Seite her ein Thurnheer, also wunderte ich mich über die Präsenz des Professors in Italien. Vor kurzem hatte in Berneck, dem Heimatort der Familie, ein Treffen der Thurnheers stattgefunden, denn der Familienforscher Jakob Schegg hatte einen umfangreichen Stammbaum zusammengestellt, und es ging die Rede, alle Thurnheers dieser Welt seien miteinander verwandt.

Ich war allerdings an diesem Treffen nicht anwesend. Verdankenswerterweise erhielt ich jedoch die Informationen per Mail, und im entscheidenden Ausschnitt wird nachgewiesen, dass mein Urururgrossvater wiederum der Grossvater des besagten Johannes Thurnheer, genannt Giovanni, war (21. 2. 1851 – 22. 9. 1931). Hermann Hesse logierte also, überspitzt gesagt, in unserer Familienpension.

Von 1912 bis 1919 lebte Hermann Hesse im Melchenbühlweg 26 in Bern, dieses «verwahrloste alte Aristokratengütchen», eine Campagne, die seither aber aufgehübscht wurde. Sie liegt in der Nähe meines Wohnorts, was zwar keine Emotionen auslöst, aber diese virtuelle Nähe über mehr als ein Jahrhundert hinweg tönt einfach gut. Vor Jahren schon hatte mich mein leider bereits verstorbener Freund Ruggero Ponzio darauf aufmerksam gemacht. Nun denke ich jedes Mal, wenn ich auf einer Velotrainingsfahrt daran vorbeiradle – im Sommerhalbjahr alle paar Tage –, dass in diesem Haus der berühmte Dichter gewohnt hat, was auf dem Rückweg beim Aufwärtsstrampeln länger anhält.

Im Herbst 1946 erhielt Hermann Hesse mit knapp siebzig Jahren den Literatur-Nobelpreis. Seine Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen. Auch litten er und seine Frau Ninon generell an «innerer Indisposition», sodass Hermann Hesse sich wahrscheinlich von Ende Oktober 1946 bis im Frühling 1947 bei Dr. Otto Riggenbach in der 1849 gegründeten Psychiatrischen Klinik von Préfargier aufhielt, in Marin am Neuenburger See.

Vor einigen Jahren habe ich ein Typoskript gekauft, also ein Gedicht in Schreibmaschinenschrift auf sehr dünnem Papier, «geschrieben am 5. Dezember 46», von Hermann Hesse handsigniert und einem Koebi gewidmet. Es ist als «Skizzenblatt» bezeichnet und schildert eine Stimmung, die durchaus der eines Herbstabends in Préfargier entspricht: «Einsam steht und rastet am Strande ein alter Mann.» Das Gedicht wurde im folgenden Jahr in den «Schweizer Monatsheften» (Heft 1, S. 35, April 1947) publiziert.

 

Bei der Recherche nach Koebi erwies sich Charles Linsmayer als grosse Hilfe, denn er gab mir die Mail-Adresse von Silver Hesse, einem Enkel von Hermann Hesse. Der beantwortete meine Anfrage postwendend und erklärte, es handle sich um Jakob Flach, den «Puppenspieler und Autor von ‘Minestra’ und weiteren Schriften, den mein Grossvater in den frühen Tessiner Aufenthalten ‘begleitet’ hat und mit ihm befreundet war».

Ich gebe zu, es ist eine Geschichte voller assoziativer Sprünge und erratischer Wendungen, aber es macht ausgesprochen Spass, sich durch die Blätter der Weltliteratur und die privaten Aufzeichnungen meiner Familiengeschichte zu bewegen.

Das Blatt mit dem Gedicht von Hermann Hesse habe ich im Online-Auktionsmarkt erworben. Es befindet sich in meinem Besitz und darf mit der Erlaubnis von Silver Hesse im privaten Rahmen auf meiner Webseite publiziert werden. Das Buch mit den Italien-Tagebüchern von Hermann Hesse stammt aus dem Büchertauschschrank bei mir um die Ecke. Die verschiedenen weit auseinander liegenden Informationen haben in meinem Kopf zusammengefunden.

Paul Ott, 24. 3. 2025

 

 

 

Brief von Maria Schaad von 1829

In der linken Spalte lesen Sie die Transkription des Briefes von Maria Schaad aus dem Jahr 1829.

In der rechten Spalte lesen Sie, was aus dem Originalbrief im Krimi Paul Lascaux: "Berner Gerechtigkeit" geworden ist.

Das Thema des Krimis (der in der heutigen Zeit spielt) ist das Armen- und Verdingkindwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der historische Teil beruht auf bisher unbekannten, nicht veröffentlichten Originalbriefen aus der Zeit von ca. 1790 bis ca. 1860. Die Dokumente befinden sich in meinem Besitz.

Die im Text erwähnten 25 Franken entsprechen etwa zwei Monatslöhnen einer "in einem Dienst" stehenden Frau.

  

Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer

 

Es wurde mit letzten Tagen durch das Tit. Oberamt Bern
ein Schreiben von Weinfelden bekannt gemacht; nach welchem
ich meiner Gemeinde Fr. 25 sogleich zu bezahlen, oder die
Betreibung zu gewärtigen habe. Nicht um mich meiner
rechtmäßigen Schuldigkeit zu entziehen, sondern um zu
erfahren warum ich dieses Geld bezahlen soll, bewegt
mich die Freyheit zu nehmen Euer Wohlehrwürden
um einige Auskunft hierüber ergebenst zu ersuchen,
und anmit zu bitten meiner EdenGemeinde nach-
stehendes Verhältnis gütigst zu berichten, und
derselben darzustellen: daß ich bereits hier
in Bern für meinen Fehler gestraft worden,
und auch schon abgebüßt habe – daß ich die Kosten
meiner Niederkunft mit geringer Ausnahme,
und diejenigen der Beerdigung des Kindes aus-
schließlich allein getragen habe, somit dan auch
gegenwärtig von Gelde entblößt bin, und
erst seit wenigen Wochen wiederum in einem
Dienst mich befinde, und bis ich etwas verdient
haben werde, nicht bezahlen kan, und daher
bitte für einige Zeit damit Geduld zu haben.
Im Fall, wie ich vermuthe, diese Forderung Strafgeld
wäre, so ersuche meine Ede Gemeinde in Erwägung
zu bringen, daß ich hier schon für meinen diß-
maligen Fehler gebüßt habe, der billiger Weise
einige Berücksichtigung und Milderung verdient,
anstatt doppelt geahndet zu werden, indem ich
mit Emanuel Bürki von Muri mündlich und
schriftlich verlobt war, daß aber zu meinem
Glücke die Ehe nicht sogleich konnte vollzogen wer-
den weil demselben wegen Ehescheidung seiner
Frau eine Wartzeit von 2. Jahren bestimmt
war, an welchen noch 6. Monat fehlten da wir
unsere Bekanntschaft machten; durch seine
mir gemachten Versprechungen eingenommen,
verfügte ich mich nach erhaltener schriftlichen Eheversprechung
zu ihm um sein Hauswesen zu besorgen,
und hatte Gott sey dank Gelegenheit seine
falschen Angaben, seine Bethörung und
seine Aufführung hauptsächlich kennen zu
lernen, um mich vor einer höchst unglücklichen
Ehe zu bewahren, daher ich mich entschloßen
diese Verbindung aufzuheben, die ich noch
zu jetziger Stunde schließen könnte -
Mein Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer werden
hierin wohl einsehen da ich des Eheversprechens
Gesinnungen zu späth kenne lernte es danach
beßer seyn, die Ehre zu opfern, als eine
unglückliche Ehe Zeitlebens bereuen zu
müßen; meine erster Jugend Fehler war mir
noch frisch im Gedächtniß, ich wollte vorsicht-
tig seyn, und eben durch diese Sicherheit
der Eheversprechung war mein zweyter 
Fall herbeygeführt, den ich zwar bey
meiner Gemeinde durch diese Verehelichung
tilgen könnte; allein ich glaube
zuversichtlich dieselbe werde ihren
Angehörigen um desto ehender ver-
zeihen, und mit Nachsicht behand-
len als sie in Folgen unglücklich zu
wißen – In Erwartung einer getrosten
Antwort von Euer Wohlehrwürden verblei-
be mit vollkommenster Hochachtung

 

Bern d 21. Augst 1829

Mit … Ehren …

 

Maria Schaad

No. 97 grün Quartier

In Bern

 

 

Daß die angeführten Umstände, betreffend
den Emanuel Bürki, mit welchem die Schaad verlobt war,
sich wirklich also verhalten, und daß die Schaad Geduld
in Hinsicht der Geldforderung nöthig hat, bezeugt
Bern d. 21. August 1829. Stierlin, Pfarrer
Mitglied des Oberehegerichts.

Dann konzentrierte er sich wieder auf seine Briefe, um sich von den drängenden Problemen abzulenken. 1829 hatte sich eine Maria Schaad aus Bern an einen Pfarrer in Weinfelden gewandt, wohl ihr Bürgerort. Der sehr sauber geschriebene Brief schien eher aus geübter Hand zu stammen, mithilfe eines Sachverständigen diktiert. Frau Schaad hatte aus besagtem Ort eine Rechnung über den Betrag von fünfundzwanzig Franken erhalten.

Maria Schaad beklagte sich darüber, dass sie denselben Fehler schon in Bern abgebüßt und die Kosten der Niederkunft sowie der Beerdigung des Kindes bereits allein getragen habe. Es war also aus der Antwort auf das Schreiben ersichtlich, dass es um ein uneheliches Kind ging, das nach der Geburt verstorben war. Auch wies Frau Schaad darauf hin, dass sie deswegen ohne finanzielle Mittel dastehe, erst gerade einen neuen Dienst angefangen habe und es Zeit brauche, bis sie wieder so viel verdient habe, dass sie die Forderung bezahlen könne.

Dann schrieb Maria Schaad: „Im Fall, wie ich vermuthe, diese Forderung Strafgeld wäre, so ersuche meine EdeGemeinde in Erwägung zu bringen, daß ich hier schon für meinen dißmaligen Fehler gebüßt habe, der billiger Weise einige Berücksichtigung und Milderung verdient, anstatt doppelt geahndet zu werden, indem ich mit Emanuel Bürki von Muri mündlich und schriftlich verlobt war, daß aber zu meinem Glücke die Ehe nicht sogleich konnte vollzogen werden weil demselben wegen Ehescheidung seiner Frau eine Wartzeit von 2. Jahren bestimmt war, an welchen noch 6. Monat fehlten da wir unsere Bekanntschaft machten; durch seine mir gemachten Versprechungen eingenommen, verfügte ich mich nach erhaltener schriftlichen Eheversprechung zu ihm um sein Hauswesen zu besorgen, und hatte Gott sey dank Gelegenheit seine falschen Angaben, seine Bethörung und seine Aufführung hauptsächlich kennen zu lernen, um mich vor einer höchst unglücklichen Ehe zu bewahren, daher ich mich entschloßen diese Verbindung aufzuheben, die ich noch zu jetziger Stunde schließen könnte.“

Interessant war ein von anderer, eher ungeübter Hand geschriebener Nachsatz, der die Aussage über eben jenen Emanuel Bürki bestätigte, gezeichnet „Stierlin. Pfarrer. Mitglied des Oberehegerichts“. Dieser Mann war leicht zu identifizieren. Es handelte sich um den angesehenen Geistlichen und Heimatforscher Rudolf Emanuel Stierlin, der von 1818 bis 1831 Oberster Dekan am Berner Münster und Präsident der Waisenhausdirektion und der burgerlichen Mädchenschule war. Er kannte sich also mit den Schicksalsschlägen von Frauen und Kindern aus. Sein Wort hatte Gewicht.

Die Ehegerichte, so hatte Kaspar Kempf recherchiert, waren eine Einrichtung aus dem Mittelalter. In manchen Gemeinden wurden sie auch Chorgericht genannt. Sie wurden von Geistlichen geführt und hatten die Aufgabe, über das sittliche Leben der Bevölkerung zu wachen und Verstöße dagegen zu ahnden. Oft hatten sie es mit unehelichen Kindern zu tun, die nicht legitimen Beziehungen entsprungen waren. Deswegen bestand auch die Pflicht, Schwangerschaften der Obrigkeit anzuzeigen, womit man Abtreibungen und Kindsmorde zu verhindern suchte. Von der Logik der Sache her beschäftigten sich die Ehegerichte hauptsächlich mit dem ärmeren Teil der Einwohnerschaft.

Ab dem sechzehnten Jahrhundert wurden diese Gerichte paritätisch besetzt, zur Hälfte mit geistlichen, zur Hälfte mit weltlichen Richtern. Frauen kamen nicht vor. Die Entscheidungen der Ortsgerichte wurden vom Oberen Ehegericht in Bern, der letzten Instanz, geprüft. Diese Sondergerichte hatten im Kanton bis 1831 Bestand, als die Einwohnergemeinden geschaffen wurden und die weltliche Justiz übernahm.

Das Mitleid von Kaspar Kempf mit den Betroffenen war echt, aber es gab ihm schon auch zu denken, dass er sich als älterer, alleinstehender und kinderloser Mann dafür begeisterte. Aus der historischen Distanz konnte er seine sonst gut verborgene Sensibilität auf Menschen richten, mit denen er im wirklichen Leben nichts zu tun hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Briefe 18./19. Jahrhundert

 

Brief aus Solothurn an den Schultheissen in Weittingen, 1842

Ein Herr Teufel beklagt sich wiederholt darüber, dass ihn seine Brüder in Erbschaftssachen hintergangen hätten. Er wendet sich an den Schultheissen seiner früheren Bürgergemeinde, um zu seinem Recht zu kommen. Interessanterweise glaubt er, mit einer gewissen Drohung gegen Ende des Briefes seinem Ziel näher zu kommen: "Herr Schultheiß ich bitte sie noch zum letzten mal wen sie nicht Hand anlegen daß ich mein Antheil soweit bekome so komm ich auf ihre Kosten in der Post nach Weittingen dan geht es nicht mehr so wie es gegangen ist."

Bemerkenswert ist der Briefumschlag, der eine Menge von Zahlen zeigt, alles Portoangaben der verschiedenen Poststellen (Briefmarken gab es schweizweit erst ab 1850).

 

 

 

Im Folgenden der transkribierte Text:

 

Stempel: Soleure …

 

Herrn Herrn Schmied

Schultheiß

In Weittingen

Oberamt Horb

Königreich Würtenberg

 

Solothurn den 13t Dezember 1842

 

Geehrtester Herr Schultheiß

 

Ich ersuche Sie noch einmal als ehmaliger
Bürger von Weittingen ich verlange mein
weniges Vermögen wo mir gehört nämlich
150 Gl (Gulden) den Zins berechnet a 5 Prozent bringt
mir vom März 23t 1836 bis jetzt Zins
43 Gl u 6 + (Kreuzer) zum Kapital berechnet 193 Gl 6 +
ich will es auf der Stelle haben den ich muß
die Gemeinde damit zahlen ich verlange
nur das meinige wo mir gehort man hat
mich schon lange genug betrogen mit meiner
wenigkeit wo mein rechtmäßiger Antheil ist
es ist wohl eine wahre Schande von meinen
Brüdern daß sie nicht einmal vermögen
mein Antheil heraus zu geben sie haben
mir ja nicht einmal eine Ehesteuer könne
geben wo ich mit meiner Frau zu Hause war
ich schäme mich nur vor meiner Frau
den wo ich zu Hause war 1832 gab ich dem Vater
5 Gl 20 + er hatte es mir versprochen bis auf Martini
wieder zurück zu geben mit meinem mütterlichen
Antheil, ich habe aber bis jetzt noch kein Heller
bekommen Sie können gut hausen mit meiner Sach
wo ich im Inventari hab müssen zahlen sie benützen
es sehr gut aber ungerechtes Gut thut kein Gut
den meine Frau verlangt ihre Uhr zurück wo
der Leo hat sie hat nur 3 Gl davon erhalten vom Leo
den sie hat 10 Gl 40 + für die Uhr bezahlt den sie ist
im Leo nichts schuldig meine Frau macht mir genug
Vorwürf sie hätte glaubt ich hätte ehrliche Brüder als
nur so Hrr Schultheiß ich weise ihnen mein Bruder
Leo an er soll sie für ihre Mühe wo sie meinetwegen
haben und für Briefen porto auslagen bezahlen zudem
hab ich vernehmen müßen daß man noch einige Schulden
soll für mich bezahlt haben ich nehme nicht an den ich
bin niemandem nichts schuldig man hat es mir beÿ
der Theilung schon machen zahlen man hat mich genug
betrogen, 1836 hab ich alles bezahlt wollen sie mir
vielleicht meine wenigkeit noch abstehlen ich hätte
seither können verlängeren ehe sie mir mein großes
Vermögen geschickt hätten, sie wollen nur mein
Schaden, indem ich schon so viel Geld für Briefe habe
müssen zahln letzte Wochen hab ich wieder 52 + für Briefe
bezahlt wen ich mehrere tausend Gl zu fordern
hätte könnte man mir nicht mehr kösten machen
seit 1832 bis jetzt 1842 hab ich schon beÿnahe 30 Gl
kösten müssen zahlen es ist wohl eine Schande
daß man ein Bruder wegen so kleinen
Vermögen so hintergeht und ihm zurück haltet
also hab ich im November 8 Gl an sie geschickt
für nach Landshut zu reisen wo man mir vorgab
ich verlange also genau Auskunft was man mit
gemacht hat, man möchte mich gewiß auch
hintergehen damit sie glauben mir alles
noch zu entreißen. Herr Schultheiß ich bitte
sie noch zum letzten mal wen sie nicht Hand
anlegen daß ich mein Antheil soweit bekome
so komm ich auf ihre Kosten in der Post
nach Weittingen dan geht es nicht mehr so wie
es gegangen ist, daß man wen ein Vater ist gestorben
die Theilung ist vertig wo man mich betrogen hat
sonst würde (ich das) Recht haben die Theilung zu stürzen

 

Höflichen Gruß Ich Ergebenst
Eusebius (?) Teufel

 

 

 

(Auto)biografische Texte

Im Folgenden ein Beispiel eines autobiografischen Textes - auf der Suche nach der Form.

 

Paul Ott

 

Herr Clematide

Herr Clematide war ein Mann, der von der Welt verschwunden ist, ohne eine Spur zu hinterlassen. Fast ohne Spur …

Ich bin ihm zu seinen Lebzeiten ein, zwei Mal begegnet, weil er eine kleine Einliegerwohnung im Bauernhaus meiner Grosseltern mütterlicherseits belegte, in der Obermühle, im thurgauischen Amriswil. Jenseits des Tenns, erreichbar über den offenen Laubengang im ersten Stock auf der Rückseite des Hauses. Aber es gab wohl noch einen direkten Zugang bei den ehemaligen Stallungen, neben dem Schweinekoben, wo sich schon länger keine Tiere mehr befanden, denn mein Grossvater hatte das Bauern aufgegeben und verdiente sein Geld als Gemeindearbeiter.

Ich weiss nicht mehr, wie Herr Clematide ausgesehen hat. Und so weit ich mich erinnere, konnte er nur wenig Deutsch. Ein einsamer Mann, von dem niemand wusste, womit er sich den ganzen Tag beschäftigte. Anfang der Siebzigerjahre ist er gestorben, wann genau, weiss ich nicht mehr. Damals war ich ein Teenager an der Kantonsschule St. Gallen, und wir hatten einen kuriosen Geschichtslehrer, einen schlaksigen älteren Mann, der die meisten belustigte, mich aber für sein Fach begeisterte.

Herr Clematide also verliess diese Welt ohne nennenswerten Besitz, der jemanden interessiert hätte. Verwandte waren keine bekannt. Also wurde das Wenige geräumt und weggeworfen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich zugegen war, jedenfalls behändigte ich eine unscheinbare Sammlung gebräunter Papiere. Ich besitze diese Dokumente des Alltagslebens heute noch.

Das interessanteste ist ein Dienstzeugnis aus dem Jahr 1934, signiert von einem Herrn Flückiger von der Gerberei und Schuhfabrik Arnold Löw A.-G. in Oberaach. Es besagt, dass Clematide Giovanni, der Vorname begegnet mir hier zum ersten Mal, am 28. Januar 1904 geboren wurde und sein Heimatort Pedavena im italienischen Venetien war. Am 8. April 1918 trat der 14jährige Junge wohl als ungelernter Arbeiter in die Firma ein und betätigte sich als Bodenledercontrolleur in der Stanzerei, bis er am 24. Juli 1934 «ausgetreten ist». «Der Austritt erfolgt infolge Mangel an Arbeit. Mit seinen Leistungen waren wir zufrieden.» Im Schuhfabrikanten Arnold Löw «hat der Tod» bereits 1932 «einem grossen Arbeiter und senkrechten Menschen sein Halt geboten», er kann also für den Mangel an Arbeit nicht verantwortlich gemacht werden. Denn der Nachruf im Thurgauer Jahrbuch von 1933 bescheinigt: «Ueber 700 Arbeitern und Angestellten hat er Brot geschafft, und dabei war er allen wohl ein strenger, aber gerechter Vorgesetzter. Er hat es verstanden, tüchtige Mitarbeiter heranzubilden; er war der Furchenpflug, der tief ins Erdreich ging, allen voran, wegbereitend vertrauengebend, weil selbst vorbildlicher Arbeiter.» Über die weitere Geschichte der Schuhfabrik Löw breite ich den Mantel des Schweigens.

Am 15. September 1931 noch scheint Herr Clematide voller Hoffnung gewesen zu sein, denn er kaufte für Fr. 40.- in der Mechanischen Bau- und Möbelschreinerei Aug. Edelmann in Hagenwil zwei Nussbaumsessel, der Betrag dankend quittiert mit «Frau Edelmann». Am 5. Oktober 1931 erstand er für Fr. 248.70, was beinahe einem Monatslohn entsprach, bei H. Brühlmann-Steinmann in Amriswil zwei Betten mit dem gesamten Inhalt. Das «Spezialgeschäft für prima Bettfedern und Flaum, Leinen- und Baumwollwaren, Woll- und Steppdecken» besorgte auch Aussteuer-Artikel, sodass davon auszugehen ist, dass sich Herr Clematide verheiraten wollte. Diese Annahme bestätigt ein Impfschein für einen Remo Clematide, geboren 1933, den man 1940 einer Schutzpockenimpfung unterzog und der um 1945 mit einigen Schulzahnklinikrechnungen zu Buche schlug. Die Frau mag eine Elda Clematide gewesen sein, die nur auf einem zerknitterten Briefumschlag aus dem Jahr 1942 Erwähnung findet, der aus Vicenza nach einem Umweg über die italienische Zensur an die Weinfelderstrasse in Amriswil gelangt ist, was auch als Adresse auf der Quittung für die Nussbaumsessel vermerkt ist.


1943, besagter Herr Clematide ist offenbar an die Grenzstrasse 2 umgezogen, erreicht ihn ein Schreiben der Ortsgemeinde Amriswil mit einer Feuerwehrpflichtersatzsteuer in der Höhe von Fr. 8.50, was nicht weiter erstaunlich wäre, wenn ihn die Gemeinde nicht mit «Johann» anreden würde.
Dann verwirren die Dokumente mehr, als sie enthüllen. Quittungen für die Kranken- und Unfallkasse Konkordia und die Sammlung für die Flüchtlingshilfe sind auf einen Celestino Clematide ausgestellt, ebenso wie die Quittung für den Zahnarzt E. Fröhlich – nomen est omen – aus Amriswil, der ihm für Fr. 10.-. vier Zähne gezogen und für weitere Fr. 80.- eine obere Gebissprothese aus Kautschuk gefertigt hat. Die Adresse lautet ebenfalls auf Grenzstrasse, allerdings auf die Nummer 89. Celestino Clematide hat der Gemeinde Amriswil Fr. 5.- überwiesen für den «Grasnutzen pro 1944 im Gebiet der alten Hammerswiler-Grube», worunter ich mir ehrlich gesagt wenig vorstellen kann, es sei denn, der Mann hätte Weidetiere besessen oder Heu für Kaninchen geerntet.

Noch verwirrender wird es, wenn 1945 Rechnungen für Schuhe aus besagter Fabrik Löw auf einen Herrn N. Clematide ausgestellt werden. Auch existieren für das Jahr 1945 ein paar namenlose Lohnzettel, aus denen hervorgeht, dass der Stundenlohn Fr. 1.35 betrug. Schuhe gab es für Fr. 15.- bis 20.-, ein paar Hosen für Fr. 12.50, ein Herrenhemd für Fr. 18.-, gekauft übrigens 1944 von Frau Clematide bei A. Oettli in Weinfelden, «Damenkonfektion und Strumpf-Reparaturen».
Völlig ungeklärt ist, weshalb «mein» Herr Clematide all diese verwirrenden Rechnungen und Quittungen aufbewahrt hat und welchen von den oben erwähnten Herren ich tatsächlich gekannt habe. Ich bin stets davon ausgegangen, dass es Giovanni, also Johann Clematide war, weil mich das Dienstzeugnis so beeindruckt hat. Es scheint eine Migrationsgeschichte zu erzählen, die mit dem Ersten Weltkrieg im Zusammenhang steht. Aber stimmt das auch? Der Junge hat ein halbes Jahr vor dem Ende des Krieges mit der Arbeit in der Schuhfabrik begonnen. Vielleicht war er nicht alleine in der Schweiz, sondern lebte mit der ganzen Familie schon länger in Amriswil. 

Ich habe das Internet abgesucht und verschiedene Personen namens Clematide gefunden, alle in der Schweiz wohnhaft. Natürlich hätte ich fragen, jemanden kontaktieren, nachbessern können. Dann wäre eine andere Geschichte daraus entstanden, die der Familie Clematide gehört, aber nichts mehr mit meiner Erinnerung zu tun hat.